Von Egoduschen und Egomanen

Gerne erzähle ich beim «Smalltalk» (Erklärung für Natives: Das sind Gespräche, die man führt, wenn man wie früher real an einem Anlass teilnimmt und dann Leute trifft!) die von der österreichischen Sängerin kolportierte Geschichte: Wenn sie jeweils in einem Gespräch Interesse am Gegenüber signalisieren wollte, meinte sie: «Jetzt aber genug von mir geredet – wie finden Sie meine neue Frisur?» Genau das tun viele von uns, nein wir alle doch immer mal wieder auf Facebook: Wir posten dort unser Interesse an anderen Dingen oder unsere Befindlichkeit, um von den anderen ein Like, einen Kommentar oder jedenfalls eine Art Feedback zu bekommen. Anitra Eggler, die Digitaltherapeutin, nennt deshalb Facebook halb scherz-, halb ernsthaft «Egodusche». Wie in einer Dusche lassen wir Likes und (positive) Kommentare an unserem virtuellen Ich runterperlen und geniessen es – solange es keine kalte Dusche ist, die gemeinhin «Shitstorm» genannt wird. Nun gibt es aber die Leute, die ständig von ihrer gleichen Vorliebe, von ihrer gleichen Leistung und ihrem gleichen Hobby schwärmen. Ganz besonders gern machen das all die Hobbysportler (Sportlerinnen auch, aber viel weniger häufig), die jedes Wochenende durch eine Stadt, auf einen Berg oder rund um einen See laufen – und uns das alle wissen lassen (mit Zeiten, Krämpfen und Zielbildern). Ein Zeit-Journalist hat dafür vor kurzem den Begriff «Müms» geprägt, was so viel heisst wie «Marathon-Über-Mich-Syndrom» genannt, und ich muss ihm – wiewohl ich Ähnliches hin und wieder auch tue – recht geben. Liebe «Müms», meldet euch doch einfach dann wieder mit einem Post oder einer Statusmeldung, wenn ihr den Marathon endlich unter zwei Stunden geschafft habt. Solange können wir warten 😉

11.05.2017

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