Schöne, heile digitale Welt

Zumindest zeitweise wieder mal nur offline unterwegs zu sein, wird offenbar immer mehr zu einem Trend. Zwar ist die häufigste erste Frage nach der Ankunft im Ferienhotel immer noch «Wie heisst das W-Lan und was ist das Passwort?». Dennoch werden heute auch Angebote wieder mehr gebucht, bei denen entweder Gadgets kaputt gehen würden (Canyoning zum Beispiel) oder aber einfach nur die Konzentration aufs Wesentliche stören (Yoga Retreats und so). Im Alltag bleiben unsere Mobiles aber der willkommene und für die meisten unverzichtbare Begleiter, damit wir ja nie in Gefahr kommen, dass uns an Bushaltestellen, in Warteschlagen oder Wartezimmern, auf dem WC, bei Konzerten oder Fussballspielen ja nie langweilig wird. Wir «wipen» uns dann durch Traumwelten, politische Diskussionen oder Katzenvideos. So kommt unser Hirn nie auf die Idee, sich mit den Grundfragen des Lebens zu beschäftigen, so dass wir sorgloser durchs Leben kommen …  In diesen Tagen, zurück aus den Ferien, ist mir aber ein Gedanke gekommen, der mich gleichzeitig erschreckt und beruhigt hat: Im Zug wurde ich – Alleinreisenden kann das passieren – kurz vor Abfahrt von einer Reisegruppe in meinem Abteil «umzingelt» und musste nachher eine Stunde lang lautes Lachen, wilde Diskussionen, unflätige Kommentare zu Themen aller Art, übertriebenen Bierkonsum und, ja, auch noch sommerliche Ausdünstungen aushalten. Wie schön wäre es doch, dachte ich mir, wenn diese Situation virtuell auf Facebook entstanden wäre: Ich könnte die Leute aus meiner Freundesliste rauskicken oder zumindest dafür sorgen, dass sie auf meinem Stream nicht mehr sichtbar wären. Oder ich könnte, sollte es ein Video sein, einfach auf «stumm» schalten. Oder die Bierwerbung als «anstössig» markieren. Und dann das Buch weiterlesen, das ich im Zug mangels Ruhe weglegen musste 😉

09.08.2018

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