«Hillie» mit Hillary

Das digitale Zeitalter steht ja ganz im Zeichen des Ichs: Selbst wenn wir Bilder von Hotels, Monumenten oder Tieren posten oder wenn wir das Leben der Prominenten kommentieren – immer geht es um unsere persönliche Sicht, unsere persönliche Meinung oder überhaupt um unser persönliches (oder gar privates) Leben. Und die globale Vernetzung macht es möglich, dass ein unbekannter Bergbauer (wenn er einen Internet-Zugang hat) mit Käserezepten plötzlich weltberühmt wird statt wie früher nur den paar Wanderern und Bergsteigern seinen Käse verkaufen kann. Natürlich funktioniert es noch besser, wenn irgendein Mädchen oder ein Junge mit Gitarre und einer Hammerstimme ein Video postet und plötzlich mehr Songs verkauft als gestandene Popgrössen. Kommt also alles vor und beweist: Wer sich selbst wirklich gut «verkauft», der kann berühmt und reich werden. Zumindest reich an Erfahrung. Das eigentliche Symbol für die Ich-ich-ich-haftigkeit des Digitalen aber sind natürlich die Selfies, die wir alle fast täglich machen. Und erwarten Sie von einem Digital Immigrant ja nicht, dass er das kritisiert – nicht einmal die Selfie-Sticks stören mich, selbst wenn sie in Gruppen daherkommend so furchteinflössend wirken wie Walking-Stöcke. Und aufregen kann ich mich auch nicht über «Drelfies» (Fotos von sich selbst in angetrunkenem Zustand) oder über «Nudies» (Sie verstehen das ohne Erklärung, oder?). Und in den 70ern war «Selfie» – in Anlehnung an «Quickie», wie man hört – ein Kurzbegriff für «Selbstbefriedigung», und manche meiner Altersgenossen sehen das immer noch so – wenn auch im übertragenen Sinn. Meine Behauptung aber ist: «Selfies» sind heute dann am meisten wert, wenn man sich im Schein einer prominenten Person sonnen kann, die zufällig oder bewusst ins Bild genommen wird. «Promie» kann man dem wohl nicht sagen, aber vielleicht setzt sich dafür jetzt das «Hillie» durch – denn selten wurde eine Politikerin so als (lebendig-versteinerte) Statue missbraucht wie Hillary im «Selfie» bzw. «Hillie» des Jahres (vgl. Bild).

29.09.2016

hillary

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