Fünf Küsse für Aschenbrödel

Es ist ja ein altes, ziemlich umstrittenes Thema in der digitalen Welt: Hält sie uns von persönlichen Begegnungen in der analogen Welt ab, sprechen wir am Familientisch und in der Beiz nicht mehr miteinander, sondern nur noch mit unseren Mobiles? Nachdem ich festgestellt habe, dass in den bald anderthalb Jahren, in denen es diesen Blog gibt, das Wort «Kuss» nur ein- oder zweimal und dann auch nur als Bestandteil des Begriffs «Dis-kuss-ion» vorgekommen ist, bin ich in mich gegangen. Und ich habe mich gefragt, wie das mit Gefühlen und digitaler Welt so ist. Drauf gebracht hat mich – wieder mal – die beste Ehefrau von allen, die lapidar feststellte: «Kaum jemand, der dir via Whatsapp oder Threema (ja, gibt es noch!) oder Messenger fünf Küsschen schickt, würde dir diese fünf Küsse im realen Leben geben. Ganz sicher nicht!» Da hat sie recht, und da fragt man sich, warum wir gerade in der technisch-digitalen Welt so grosszügig unsere Gefühle verschenken: Herzchen, Küsschen, Umarmungen mitten in Sätzen, «liebe Grüsse» auch für Geschäftskunden oder – auf der anderen Seite der Skala – wüste Beschimpfungen und Hasstiraden in Online-Foren und Social Media-Plattformen. Wieso kommen gerade dann, wenn wir einer Maschine statt einem Menschen gegenübersitzen, unsere Gefühle ganz spontan in Texte, Bilder und Kommentare? Und warum können wir dann, wenn diese Menschen real da sind, dieselben Gefühle nicht ebenso überschwänglich äussern? Da sagt der Hobbypsychologe wohl «Kompensation» dazu oder er vermutet «fehlendes Schamgefühl» (also man traut sich doch definitiv mehr in elektronischer Kommunikation, oder?), während der Romantiker in mir sagt: Das ist wie bei «drei Nüsse für Aschenbrödel»: Romantik am Fernsehen zu konsumieren ist auch einfacher als sie in der analogen Realität zu leben.

16.03.2017

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