Früher war alles besser..

Diesen Satz hören wir – Digital Immigrants wie auch Digital Natives – praktisch täglich. Nicht nur in unserem privaten Umfeld, sondern auch online kursieren immer wieder solche Aussagen. Meistens folgen darauf dann auch noch Bilder mit Legenden wie «Wer das kennt, der hatte noch eine Kindheit». Oder man liest Sätze wie «Die Jugendlichen pflegen keinen persönlichen Kontakt mehr – bei uns war das ganz anders».

Früher war alles besser

Ist das so? Nein, früher war vieles anders – ein paar Dinge waren vielleicht besser, aber vieles war deutlich schlechter. Zumindest mit drei Vorurteilen will ich mal aufräumen. Vorurteil Nummer 1: «Die Jungen können nicht mehr lesen und schreiben.» Falsch. Sie legen vielleicht nicht mehr soviel Wert auf Rechtschreibung und gehobenen Stil, aber sie können im Durchschnitt viel besser lesen und schreiben als wir damals. Sie schreiben schneller, schreiben viel mehr, und das oft sogar mit einem einzigen Finger so schnell wie wir im mühsam erlernten Zehnfingersystem. Aber während wir noch mit der Wiederholung immer gleicher Buchstaben die Schreibmaschine übend kennenlernten (die Ordnung der Buchstaben auf den Tastaturen hat bis heute überlebt), lernt ein Native heute schreiben, weil er Inhalte transportiert – von Anfang an! Und stundenlanges Lesen und Schreiben musste man früher in der Schule «verlangen», heute machen es die Jungen ganztags freiwillig.

Vorurteil Nummer 2: «Früher hat man noch persönliche Beziehungen gepflegt, heute ist alles im Internet so unpersönlich.» Falsch. Es ist zwar eine Unsitte, wenn man sich heute bei persönlichen Gesprächen immer wieder von Nachrichten auf dem Handy ablenken lässt, aber über Social Media-Plattformen weiss und erfährt man über Freunde und Kollegen viel mehr – selbst dann, wenn sie monatelang im Ausland sind. Gerade persönliche Beziehungen kann man dank den neuen Möglichkeiten auch dann pflegen, wenn Menschen nicht mehr in der Nähe sind. Und auch die 1zu1-Kommunikation in Kurznachrichten und Chats ist ja sehr persönlich. Manchmal vielleicht sogar zu persönlich…

Vorurteil Nummer 3: «Früher hat man noch zusammen gespielt, heute vereinsamen alle.» Was daran (vielleicht) stimmt: Man trifft sich nicht mehr real zum Spielen, sondern virtuell. Aber vermutlich wurde noch in der Geschichte der Menschheit so häufig gespielt wie heute, und zwar miteinander, gegeneinander und allein. Es gibt sogar Leute, die mit Spielen heute Millionen verdienen (und trotzdem Spass am Spiel haben). Und es gibt Menschen, die online zu Stars werden – die hätte man früher im sogenannten «realen» Leben beim Fussball oder Völkerball nicht mal mitspielen lassen, weil sie zu klein, zu unbeweglich oder einfach unsympathisch wirkten.

Drei Vorurteile, eine Lehre: Es ist eine Frage der Perspektive, ob früher alles besser war oder in Zukunft alles besser wird. Als Digital Immigrant sage ich: Früher war einiges besser, anderes schlechter. Und in Zukunft wird es genauso sein.

15.10.2015

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