Auf dem hohen, analogen Ross

Es gibt auch Natives, die der Digitalisierung sehr kritisch gegenüberstehen. Vor kurzem hat die «Schweiz am Sonntag» darüber berichtet, dass vor allem Schweizer Schriftsteller das Internet und Social Media meiden. Dort fand ich Aussagen wie «Mein Beruf ist das Schreiben von Texten und nicht das Verfassen von Tweets». Naja, einen Tweet zu verfassen ist ja eigentlich dasselbe wie einen Text zu schreiben – aber wir wollen jetzt mal nicht so pingelig sein;).

Schriftsteller wissen, dass Social Media-Kanäle auch für den Verkauf ihrer Bücher (die gedruckten wie die eBooks) wichtig sind. Aber das ist Marketing, und mit verkaufsbezogenen Aktivitäten will man sich ja als Literat nicht beschäftigen. Dabei gibt es inzwischen wie im Musikbereich Dutzende von Beispielen, wo literarische Texte in digitaler Form zu Bestsellern wurden. Zwar gehöre ich selbst als Immigrant zu jenen, die mit «Buch» noch Papier verbinden und es gern in die Hand nehmen (und im Büchergestell machen die sich auch gut als «Trophäen» meiner Bildung und Belesenheit).

Aber ich kenne vielleicht eine Handvoll Natives, die gerne in «analoge» Bücher schauen – am liebsten komischerweise dann, wenn jemand seine gesammelten Tweets veröffentlicht. Wenn also Blogger und Twitterer in die «gute alte» analoge Welt reinschnuppern, müssten doch die Schriftsteller und Autoren aus ihren Büchern heraus den Schritt in die «gute neue» digitale Welt machen. Mit eigener Website, Twitter- und Facebook-Profil.

Aber sie haben Angst (und das nicht ganz zu unrecht): Wer bisher sein Geld mit seinen eigenen Worten in Druckform verdient hat, möchte dieselben Worte auf demselben hohen Niveau natürlich nicht kostenlos im Netz zugänglich machen. Nicht mal die 140 Zeichen eines Tweets. Leute, wenn Eure Texte wirklich so gut sind, werdet Ihr auch in Zukunft Geld damit verdienen. Aber gewöhnt Euch wie die Musiker dran: Euer Einkommen wird mehr und mehr aus Auftritten generiert, und die Bühne ist mit dem Netz auch frei geworden für Konkurrenten, die es nie über herkömmliche Verlage geschafft hätten. Dagegen ist der «geschützte Raum» der arrivierten Autoren kein Modell der Zukunft, denn jede und jeder kann jetzt publizieren, und jeder und jede bekommt online unmittelbar Feedback.

Mir gefällt diese Möglichkeit, dass eine unbekannte Schülerin aus Südafrika plötzlich dieselbe Chance wie der bekannte Autor in Europa bekommt, viral einen Bestseller zu landen. Denn als Digital Immigrant liebe ich es, wenn Traditionen ins Wanken geraten und neue Chancen entstehen.

Wenn Schriftsteller sich weiterhin dagegen wehren, digital unterwegs zu sein, werden sie bald keine Autoren mehr sein. Denn zur Digitalisierung gehören nicht nur Website, Facebook, Twitter, usw., sondern auch eBooks. Natürlich gibt es bestimmt auch in Zukunft noch einige (mich eingeschlossen), die noch richtige Bücher lesen. Aber bald werden eBooks der Normalfall und gedruckte Bücher die Ausnahme sein. Daher mein Tipp:

Hört auf, Euch gegen die Digitalisierung zu wehren – sie holt euch sowieso ein. Also warum nicht jetzt schon davon profitieren statt erst in 10 Jahren? Macht jetzt etwas! Bevor Euch Eure Eltern digital noch einholen;).

eBook vs. book

29.10.2015

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